Geschichte

Ein Bischof baut seinen Glauben

Die Michaeliskirche in Hildesheim gilt als der schönste und reinste romanische Kirchenbau in Norddeutschland; im Jahre 2010 feierte er sein tausendjähriges Bestehen seit der Gründung.
Nähert man sich der Kirche von der Dammstraße her, einem uralten Verkehrsweg, sieht man sie wie eine Burg auf einem Hügel liegen. Dem genaueren Blick zeigen sich dann die klaren geometrischen Formen und das symmetrische Erscheinungsbild. Sechs Türme und zwei Chöre verleihen ihr das unverwechselbare und weltweit bekannte Aussehen
Der berühmte Hildesheimer Bischof Bernward (+1022), der vorher Erzieher Kaisers Otto III gewesen war, hat seiner Kirche ein durchdachtes theologisches Konzept zu Grunde gelegt. Nichts an ihr ist zufällig.

Die Michaeliskirche sollte ein würdiger Aufbewahrungsort für die Kreuzreliquie sein, die Bernward vom Kaiser geschenkt bekommen hatte; die Kirche war aber auch von Anfang an zu seiner Grabeskirche bestimmt. Über seinem Grab in der Krypta im Westen sollte das Gebet der Mönche des Michaelisklosters zu hören sein und er wollte aus seinem Grab den Kreuzaltar im Osten sehen, das Zeichen des wieder kommenden Erlösers, von dem er sich zur Auferstehung rufen lassen wollte.
 

Die Konzeption der Kloster- und Wallfahrtskirche ist von einer ausgeprägten Zahlensymbolik – besonders durch die Zahl 9 - bestimmt. Das entspricht überlieferten philosophisch-mathematischen Regeln und gibt zugleich die 9 Hierarchien der Engel wieder. So entstand ein Bau von beeindruckender Harmonie, dessen Wirkung sich bis heute kaum jemand entziehen kann.

Eine Reihe von Kunstwerken, die in der Zeit der Heiligsprechung Bernwards 1192 die Wallfahrtskirche schmückten, fügen sich in den Raum ein: die Engelchorschranke und die Holzdecke gehören zu den bedeutendsten Kunstwerken des Mittelalters. Die Bilddecke, die die größte erhaltene ihrer Art ist, nimmt das theologische Programm der Kirche auf und ergänzt es um eine Darstellung der Heilsgeschichte von den ersten Menschen bis zu Christus als dem Weltenrichter. Sie sieht in der Geschichte den planmäßigen Erlösungswillen Gottes am Werk.

Die Erhaltung dieser mittelalterlichen Tradition nach dem Wiederaufbau der Kirche hat 1985 zu ihrer Aufnahme in den Katalog des Weltkulturerbes geführt.

 

Von der Geschichte gezeichnet – und doch lebendig

Im Jahre 1542 wurde in Hildesheim die Reformation eingeführt und die Michaeliskirche evangelische Gemeindekirche. Den katholisch gebliebenen Mönchen wurde die Krypta als Gottesdienstraum zuerkannt. Diese Aufteilung gilt bis heute. Die Krypta wird von der röm-kath. Magdalenen-Gemeinde genutzt, zu der ein gutes ökumenisches Verhältnis besteht.

Das Kloster konnte aber die Baulast nicht tragen; die Kirche verfiel immer mehr. 1803 wurde das Kloster säkularisiert, die Kirche der evangelischen Gemeinde entzogen. Sie diente zeitweise als Heu- und Strohlager und wurde später – nach der Nutzung des Klosters als Heil- und Pflegeanstalt – Kegelbahn. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie der Gemeinde zurück- gegeben und durch C.W. Hase restauriert.

Der von den Nationalsozialisten seit 1943 verfolgte Plan, die Michaeliskirche als ottonisches Bauwerk in eine Weihestätte der SS umzuwandeln, konnte zwar durch Pastor Kurt Degener verhindert werden, doch schien ihr Schicksal besiegelt, als sie am 22. März 1945 bei der Bombardierung Hildesheims vollständig in Schutt und Asche fiel. Glücklicherweise war die Bilddecke vorher ausgebaut und an verschiedenen Orten eingelagert worden.

Unmittelbar nach der Zerstörung rief Pastor Degener dazu auf, die Kirche in ihrer ursprünglichen roma-nischen Konzeption wieder aufzubauen. Planende und bauleitende Architekten waren W. Blaich, J.W. Prendel und A.W. Steinborn. Es gelang Degener, einen amerikanischen jüdischen Kaufmann, Mr. B.R. Armour, zu motivieren, das Vorhaben durch Spenden zu unterstützen.

Diesen Persönlichkeiten, der tatkräftigen Hilfe von Frauen und Männern aus der Gemeinde und anderen Bewunderern des romanischen Kleinods ist es zu verdanken, dass die Michaeliskirche bereits 1950 wieder eingeweiht werden konnte. 1960 wurde dann die gerettete und restaurierte Bilddecke wieder eingebaut.

Rechtzeitig zum Jubiläum ist die Michaeliskirche unter hervorragender und engagierter Bauleitung renoviert worden. Dabei wurden inzwischen eingetretene Baumängel beseitigt, die Kirche erhielt einen einheitlichen – auf das ursprüngliche Niveau tiefer gelegten – Fußboden, Heizung und Beleuchtung wurden auf den heutigen technischen Stand gebracht.
Nach einem Wettbewerb wurden der Altarraum und das östliche Querschiff durch Prof. Thomas Duttenhoefer neu gestaltet.

Dies Vorhaben konnte nur gelingen, weil sich neben der Kirchengemeinde und der Landeskirche die Stadt Hildesheim, das Land Niedersachsen, die Bundesrepublik und öffentliche Stiftungen für das Projekt eingesetzt haben. Hinzu kamen sehr viele kleine und auch große Spenden von engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus Stadt und Region, die es bis heute ermöglichen, noch notwendige Arbeiten durchführen zu können. Die bis 2010 durchgeführte Renovierung lässt die Ideen ihres Erbauers nicht nur ahnen, sondern wieder sichtbar werden.

Die Zeit Bernwards wird auch dadurch lebendig, dass während der Zeit der Renovierung des Mariendomes die Bernwardssäule als Zeugnis der mittelalterlichen Kunst und Frömmigkeit in der Michaeliskirche steht.